Montag, 11. Juli 2011

11.07.11: Saxe oder Albig - wer holt den Rotspon Cup?

Diese nicht ganz ernst zu nehmende Wettfahrt hat schon so manche Dramatik erlebt, von hanebüchenen Segelmanövern bis zu ungewollten Kollisionen. Das fachkundige Publikum an der Travepromenade kommentiert dies stets mit einem hanseatisch zurückhaltenden Raunen, und auch die unbedarften Sehleute habe dabei ihre Gaudi.

Dieses Mal kommt es zur Travemünder Woche beim traditionellen Rotspon Cup der Neuzeit, bei dem der Verwaltungschef der gastgebenden Hansestadt Lübeck zum achten Mal einen Gegner aus dem öffentlichen Leben herausfordert, zum Showdown der „städtischen Rivalen“ Kiel und Lübeck. Bürgermeister Bernd Saxe trifft bei seinem Heimspiel am Mittwoch (27. Juni) um 12 Uhr auf Torsten Albig, einen Parteifreund „aus den eigenen Reihen“. Der Druckmaschinenhersteller und TW-Partner manroland sorgt für das notwendige Drumherum bis zur Friedenpfeife beim Mittagessen nach dem Rennen.

Die Fehde dieser beiden Städte dauert schon mindestens so lange an wie die Entscheidung alt ist, mit der Kiel 1946 zur Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein eingesetzt wurde. Und das Buhlen um den insgeheimen Status des schönsten Segelreviers weit und breit kennzeichnet die Kontrahenten auch. Der Kieler Oberbürgermeister hat vor gerade Mal vier Wochen das größte Segelfest, die Kieler Woche begleitet, und es als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet. Lübeck darf gespannt sein, wie Torsten Albig die südlicher gelegene 122. Travemünder Woche empfindet.

Auf der Trave muss der Wahl-Kieler zeigen, was er möglicherweise auf der Förde beobachtet oder sogar gelernt hat. Hoffentlich braucht der gelernte Rechtwissenschaftler und Vater zweier Kinder seine juristischen Kenntnisse beim Rotspon Cup nicht anzuwenden, wenn um die ausgelobte Sechs-Liter-Buddel des süffigen Bordeauxs aus dem Hause „von Melle“ gesegelt wird. Bei klaren Segelanweisungen seitens der Regattaleitung vom TW-Hauptveranstalter Lübecker Yacht-Club und wohl ebensolchen Kommandos der Skipper an Bord werden die beiden „Meister ihrer Bürger“ auf der Trave launisch über die Lautsprecheranlage moderiert ihre Kurzrennen starten. Nach dem Modus best of three hat den Rotspon Cup gewonnen, wer als Erster zweimal die Nase oder den Bug vorn hatte.

Den Amtspersonen angemessen wird das Duell auf zwei legendären 12mR-Yachten, der „Trivia“ und der „Evaine“ ausgesegelt. Diese klassischen Schönheiten waren nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1987 die America’s Cups-Klasse. Insgesamt wurden 170 Exemplare gebaut. Ihr Ursprung: 1906 bei der Gründung des internationalen Weltsegelverbands (IYRU) entstanden auch Vermessungsformeln, mit denen unterschiedliche Konstruktionen fair gegeneinander segeln sollten. Diese so genannten Zwölfer sind tatsächlich 21,50 Meter lang, denn die Zahl 12mR hat nichts mit der Schiffslänge zu tun hat, sondern steht für einen Rennwert (R), der sich aus metrischen (m) Messdaten ergibt. Die 74-jährige „Trivia“ kommt als Vizeweltmeisterin direkt aus Glücksburg an die Trave, die drei Jahre ältere „Evaine“ wurde Fünfte.

Der Preis für den Sieger des auch als Bürgermeisterrennen bezeichneten Wettstreits ist nicht nur symbolisch als Leckerbissen zu betrachten, sondern hat es tatsächlich in sich. Die Herkunft des Lübecker Rotspons ist eine Geschichte, wie sie nur eine Hansestadt hervorbringen kann. Ein Handelskapitän segelte seine kostbare Fracht im 16. Jahrhundert aus Bordeaux von der französischen Atlantikküste in die heimatliche Ostsee nach Lübeck. Dort angekommen wurde erneut ein Fass des köstlichen Nasses angestochen und dabei festgestellt, dass sich der Geschmack des Weines positiv verändert hat.

Nach einer weiteren Einlagerung in Lübecker Altstadtkellern entwickelte sich der Wein abermals weiter und wurde seitdem Lübecker Rotspon genannt. Sodann wurde die Marke bis zu den Handelspartnern ins ferne Bergen/Norwegen und bis nach Riga/Lettland gesegelt und verbreitet. Und bei einer Wettfahrt Hamburger Kaufleute vor der Travemündung ging es vor 122 Jahren um eben eine Flasche dieses Rotspons. Das war die Geburt der heutigen Travemünder Woche. Andreas Kling.