Dienstag, 18. Januar 2011

18.01.11: Brasilianische Nacht mit Vivaldi

Boris Herrmann / Komplex, aber klar, mächtig, doch trotzdem fein und von packender Strahlkraft. Vor meinem inneren Ohr lässt sie Vivaldi diese Mondnacht Vivaldi erklingen. Dieses kraftvolle Gleichgewicht zwischen unserem riesigen Flügel und der tonnenschweren Kielbombe, die einige Meter neben dem Boot wie ein Torpedo kurz unter der Wasseroberfläche entlangschießt. Diesem dahingleitenden, tanzenden, agilen und dennoch kolossalen Gleichgewicht wohnt ein göttlicher Zauber inne, wenn der kühle Salzspray Wellen von Gänsehaut über meinen nackten Rücken schickt, wir uns weit überlegen auf die breite Bordkante der Neutrogena stemmen, einen silbrigen Schweif hinter uns durch die Nacht ziehen und bei jeder größeren Welle eine glitzernde Spraywolke über uns hinwegfegt. Wie ein prägnantes Motiv, das Vivaldi durch seine Partitur dekliniert.

Dieses Gleichgewicht trägt sich wie ein starkes Orchester selbst, das weiß, wohin die Reise geht. Ich als Dirigent trimme die Kinken aus dem sprunghaften Temperament des südatlantischen Windes. Quer zur Fahrtrichtung stehe ich an der hüfthohen Winschkurbel, ein ergonomisches Juwel, der gesamte Körper wird zu einem kraftvollen Motor, jeder Muskel zieht mit. Ganz ein bisschen hat es etwas von einem Tanz. Ich stehe gebeugt in den Knien auf den Zehenspitzen. Mein Orchester ist harmonisch und zeitlos. Die Sonne pumpt unsere Atmosphäre voller Energie, die uns für immer antreibt. Die Schaumspur, die wir hinterlassen, verwischt der Wind sogleich.

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