
So werfen Profis: Helm und Schutzbrille sind am Schneeball-Weltcup
vorgeschrieben, Handschuhe nicht. Bild: Michael Hug
Michael Hug
«Alle auf den Schwächsten war unsere Taktik.» Nun kann Ramon Fässler den Geheimplan verraten, er steht mit seinen Freunden David Künzle und Markus Diethelm im Final des Schneeballschlacht-Weltcups. Natürlich verrät er ihn nicht dem Gegner, den «Wuchtis» aus Deutschland, sondern hinter vorgehaltener Hand und nur dem einzigen aus der Schweiz angereisten Zuschauer. Wieder klappt das Rezept, die drei Thurgauer ringen die «Wuchtis» in der finalen Schlacht nieder, 21 zu 15 Treffer heisst das Resultat nach sieben Minuten Schneegeballerei.
Hobbyhandballer im Vorteil
Deutschland ist Vorreiter der Fun-Sportart Schneeballschlacht. Organisiert werden Weltcupanlässe, und auch die Weltmeisterschaft wird dort ausgetragen. Schneeballsportler sind üblicherweise Amateure, im besten Fall Hobbyhandballer. Die Schneesportfreunde Sitterdorf jedoch hatten bis anhin mit Schneebällen höchstens Lausbubereien im Sinn: «Wir haben bis vor wenigen Tagen nicht einmal gewusst, dass es organisierte Schneeballschlachten gibt.» Ihre Teilnahme sei, erinnert sich Ramon Fässler, eine Spätnacht-Idee gewesen, wie so vieles, das man gemeinsam unternehme.
Körpertreffer zählen
«Natürlich haben wir als Buben unzählige Schneebälle geschmissen, aber doch nie gezielt trainiert.» Auf der Fahrt nach Langenargen legte man sich dann jene Taktik zurecht, die bis in den Final führte: «Wir suchen uns den Mann beim Gegner, der zu wenig aufpasst, und schiessen möglichst nur auf ihn.» Die Herausforderung ist bei der sportlichen wie der Pausenplatz-Schneeballschlacht dieselbe: Den Gegner empfindlich treffen, aber selber unversehrt bleiben. Zweimal drei Minuten geht der sportliche Wettkampf, mehrere Schiedsrichter zählen die Körpertreffer. Es darf aus allen Lagen geschossen, jedoch das Abschussfeld nicht verlassen werden. Helm und Schutzbrille sind vorgeschrieben. Handschuhe nicht.
Nationalhymne-Noten suchen
Die Sitterdorfer Schneesportfreunde wissen nicht, wie ihnen geschieht. Durch die Hauptrunde, Achtels-, Viertels- und den Halbfinal führt ihr Siegeszug. Plötzlich haben die Ostschweizer viele Freunde in Deutschland, es werden volle Schnapsgläser herumgeboten, die Presse ist da und hinter der Bühne sucht die Bürgerkapelle Langenargen die Noten der Schweizer Nationalhymne. Doch die drei Jungs und ihre beiden Ad-hoc-Trainer scheint das alles nicht zu beunruhigen. Man hat noch den vorangegangenen Abend in den Knochen: «Wir waren im Bündnerland und haben halt ein bisschen gefeiert.»
Hunderte von Zuschauern
Auch in Langenargen wurde gefeiert, der Schneeballevent zu einem ordentlichen Volksfest mit Grill, Bier und Feuerwerk ausgebaut. Hunderte von Zuschauern verfolgten die «Schlachten» der 32 süddeutschen und Vorarlberger Mannschaften. Der Schnee wurde übrigens aus dem Allgäu herangefahren, verriet das OK des Eisstockschützenclubs Langenargen etwas verschämt. Die Bürgermusik klemmte sich schliesslich die eilends zusammengekramten Noten in die Halter und schmetterte bei der Siegerehrung einen tadellosen Schweizerpsalm in den Abendhimmel.
Schnaps für die Sieger
Und den drei Siegern wurde eine Wild Card für die Weltmeisterschaft im März in Winterberg in die Hand gedrückt. «Wo ist Winterberg?» fragt der Schweizer Trainer.«600 Kilometer von hier», antwortet einer, der schon wieder ein Tablett mit zehn Schnapsgläsern herumreicht. Ramon Fässler grinst: «Na gut, wir haben es ja hierher nach Übersee geschafft. Da sind die sechshundert Kilometer kein gröberes Problem mehr!» (Tagblatt)