Ein Plädoyer für Mr. Schuylers Deed of Gift.

Brad Butterworth, Alinghi-Teamskipper
(Photo credit: Carlo Borlenghi/Alinghi)
Zwei amerikanische Yachtclubs – der New York Yacht Club und der San Diego Yacht Club –gewannen 140 Jahre lang abwechselnd den Cup. Für sie war alles perfekt, man könnte auch sagen „sie hatten den Wind in ihrem Segel“. Damals gab es keinerlei Forderungen, dem Gewinner die Rolle als Verwahrer abzusprechen, dem Gewinner die Organisation der nächsten Regatta streitig zu machen oder auch das Management des America’s Cup einer unabhängigen Einheit zu übertragen (obwohl sie wahrscheinlich einige dieser Treuhänder-Interpretations-Beschlüsse herausgegeben haben, um die Herausforderer auf Distanz zu halten). Jetzt ist der Cup wieder in fremden Händen und nach neun missglückten Versuchen von amerikanischen Herausforderern, den Cup zurückzuerobern – sie alle schafften es nicht einmal bis in den Match – ist jetzt die Zeit gekommen (nach Meinung einiger Amerikaner und ihrem Gefolge) während ihrer zehnten Herausforderung die Deed of Gift neu zu schreiben, dem Gewinner die Früchte seines Sieges abzuerkennen, um es für den Challenger einfacher zu machen, den Cup zu gewinnen. Wenn die Deed und der Wettbewerb, den sie schuf, wirklich so schlecht sind, wo waren denn alle die Reformen, als der Cup in amerikanischen Händen war? Die Antwort ist offensichtlich: die Deed ist nicht schlecht. Vielmehr geht es darum, dass sich einige wenige schwer tun mit der Tatsache, dass sie den Cup verloren haben und es nun nicht schaffen, ihn wieder zurückzugewinnen.
Es ist wichtig, dass man den Wettbewerb nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Schwierigkeiten, die bald vorbei sein werden, beurteilt und abschreibt. Vielmehr sollte man die 150-jährige Geschichte des Wettbewerbs in Betrachtung ziehen. Ja, es hat in unserer Zeit zwei „wilde“ Herausforderungen ohne gegenseitige Einvernahme gegeben und beide diese Herausforderer haben den Wettbewerb vor Gericht gezerrt. Über die 150-jährige Geschichte gesehen sind dies aber nur kleine Ausnahmen, obwohl wir alle übereinstimmen, dass es zwei zu viel sind. Wenn man etwas ändern will, um Streitigkeiten vor Gericht zu verhindern, muss man die Deed nur mit einer einfachen Schiedsgerichtsklausel ergänzen. So kann man Dispute schnell und innerhalb der Sportwelt lösen und der Wettbewerb bleibt auf dem Wasser. Keine Frage: Die Deed ist nicht perfekt, aber sie liegt nicht am Boden und benötigt weder einschneidende Eingriffe noch die totale Umkrempelung, die einige jetzt vorschlagen.
Die Klausel über das gegenseitige Einvernehmen (mutual consent clause) ist der Schlüssel der Deed – sie erlaubt dem Wettbewerb, sich zu entwickeln und auf veränderte Zeiten und Gegebenheiten zu reagieren. Denn was heute gut und richtig erscheint, sieht vielleicht in zehn, 50 oder 100 Jahren ganz anders aus. Das letzte, was irgendeine Generation tun sollte, ist, zukünftigen Generationen ihren Willen aufzuzwingen. Wenn jemand den Wettbewerb anders organisieren möchten, nur zu – gewinnt den Cup und werdet mit eurem Challenger of Record einig – mehr brauchts dazu gar nicht. Aber bitte, spielt nicht George Schuyler und hört auf, eure Vision dessen, was der America’s Cup sein sollte, über diese Deed zu stülpen. Niemand wird daran gehindert, einen Pokal zu kaufen und ganz einfach einen neuen, anderen Wettbewerb aus dem Boden zu stampfen. Versucht einfach nicht, Herrn Schuylers Wettbewerb zu klauen, um Glaubwürdigkeit für euren eigenen Wettbewerb zu bekommen.
Der America’s Cup ist ein harter herausfordernder Wettbewerb. Er ist, um es mit den Worten meines Freundes und Moderators P.J. Montgomery zu sagen, „der Everest des Segelns“. Aber heutzutage kann sich – gegen entsprechendes Entgelt – jede Grossmutter auf den Everest schleppen lassen. Der Cup, um P.J.s Kletteranalogie weiterzuziehen, ist eher wie der K2 – schwierig, technisch und gnadenlos – und er muss so bleiben. Die alte Redensart „es gibt keinen Zweitplatzierten“ beschreibt trefflich den herausfordernden und rücksichtslosen Spirit des Wettkampfs. Den Titelverteidiger mit all seinen Vorteilen zu schlagen ist ein grundlegender Teil der Geschichte und der Essenz des Cups. Für alle, die in einem absolut ausgeglichenen Rennen segeln wollen, gibt es genügend andere Wettbewerbe auf der Welt. Was natürlich oft passiert ist, dass gerade jene, die erfolgreich sind, am Schluss im America’s Cup landen, weil er die ultimative Segelherausforderung und der ultimative Test ist und die Siegreichen wirklich belohnt. Diese Messlatte zu senken bringt niemandem etwas.
Wenn ich an Larry Ellisons prozessfreudige Herausforderung denke, kommt mir ein Kommentar in den Sinn, den mein alter Freund Dennis Conner in seinem grossartigen Buch von 1998, „The America’s Cup: The History of Sailing’s Greatest Competition in the Twentieth Century“, gemacht hat. Er sagte über den ausbleibenden Erfolg unserer frühen Kiwi-Herausforderungen um den Cup:
„Sir Michael (Fay) würde dazu verdammt werden, die Vergangenheit zu wiederholen: Dieser „Hintertür-Mann“, der 1986/87 mit einem zwölfmetrigen Plastikboot nach Perth und 1988 mit einer Superyacht nach San Diego kam, kehrte 1992 nach San Diego zurück, wie wir sehen werden, mit einem ungewöhnlich designten Boot, das seinen Spi sehr unorthodox segelte und halste. Als die Kiwis dann 1995 durch die Vordertür kamen, gingen sie mit dem America’s Cup.“
Grosse Athleten suchen den Sieg auf dem Spielfeld oder, in unserem Fall, auf hoher See. Sportler, die versuchen, über die Gerichte zu gewinnen, was Dennis als „Hintertür“ bezeichnete, erniedrigen sich und geben jedem Sieg ebenso wie dem ganzen Sport einen fahlen Beigeschmack.
Ich war im America’s Cup mehrmals Herausforderer und Verteidiger und habe stets gesehen, dass die Trophäe von denen gewonnen wurde, die das schnellste Boot designt und gebaut haben und dieses mit dem besten Team segelten. Es ist schwierig, zu gewinnen – aber genau so soll es bei einer solchen Trophäe auch sein. Wenn man die Herausforderung reduziert, wird der Sieg zwar einfacher, aber die Anziehungskraft und der Triumph sind weg.
Wenn man die Deed verändert, um den Herausforderern den Sieg zu erleichtern, verkommt der America’s Cup zur billigen Farce, und George Schuylers grosse Herausforderung für Generationen von Seglerinnen und Seglern – Amerikas Sieg von 1851 nachzueifern – verliert jeglichen Zauber (alinghi.com).